Zwei Welten vereint

Zwei Welten vereint

„Ihr seid doch alle nicht mehr normal!“ Wie oft musste ich mir diesen Satz bezüglich meiner Angelei auf Karpfen bereits anhören? Ob nun Familie, Freunde oder befreundete Raubfischangler, wenige können verstehen was wir da machen. Für den einen ist es die am Wasser verbrachte Zeit, die zu Unverständnis führt, für den anderen das Geld, das im permanenten Fluss das weite in den ewigen Tackle-Jagdgründen sucht und für letztere oftmals die Art zu fischen, mit Zelt, Liege und elektronischem Klimbim.

Und wisst ihr was? Ich glaube es ist manchmal schwer sich selbst zu verstehen, bei dem was man da macht. Was ist das Karpfenangeln für uns? Wir alle sind uns denke ich einig, dass es etwas ist, das über das Fangen der Fische weit hinaus geht. Doch eine bestimmende Aussage darüber, was es genau ist, das dich und deine Gedanken jeden Tag von neuem bannt, ist schwierig. Ich denke im Grunde muss jeder seine eigene Antwort auf diese Frage finden. Ich persönlich habe eine Theorie für mich gefunden, die ich euch hier gerne vorstellen möchte…

Es ist doch bloß Farbe…

Umso mehr Leute ich in der Karpfenanglerszene kennen lernte, desto öfter musste ich feststellen, dass diese in ihrer früheren Jugend eine bewegte Zeit hatten, die sich im illegalen Besprühen von Häuserwänden und Nahverkehrsfahrzeugen äußerte – eine Parallele zu meinem Leben die ich niemals erwartet hätte. Ja ich gebe es zu: Auch ich hatte eine Phase in meinem Leben, in der ich mich nicht so verhielt wie es meine Eltern, Lehrer und die Polizei von mir verlangten.

Zuerst war es Robert von Highspeedfishing mit dem ich die gemeinsame Vergangenheit mit ungebetenem Farbauftrag feststellte. Der nächste mit ähnlicher Vita war Steven, mein Angelpartner aus der deutschen Graffitihauptstadt Berlin. Mittlerweile kenne ich weitere sprühende Karpfenangler. Dabei hatte ich doch gedacht mit dem Karpfenangeln einem Hobby zu frönen, das in keinem Zusammenhang steht zum Ganggehabe und Hausfriedensbruch, die der illegale Lebensinhalt mit sich brachte… Irgendwie passten die neuen Bekanntschaften nicht zu meinen Erwartungen ….

Doch es ist nun einmal wie es ist. Irgendwo in dieser eigenartigen Konstellation aus Graffitispüherei und modernem Karpfenangeln scheint eine Gemeinsamkeit verborgen, die mich dazu aufforderte nach ihr zu suchen. Was ist der gemeinsame Nenner zwischen Graffiti und Karpfenangeln?

„Konzentration ist immer wichtig.“

Parallelen entdecken

Die Antwort fand ich, indem ich mich einmal selbst fragte, was mich damals dazu trieb nachts durch die Stadt zu ziehen und meine Zeichen zu setzen. Es waren vor allem drei Dinge, nach denen mein jugendliches Ego verlangte: Gemeinschaft, Anerkennung und Rebellion.

Die Gemeinschaft einer sogenannten Peergroup ist für die meisten von uns wichtig. Hobbys verbinden! Dabei ist es zunächst einmal zweitrangig wie dieses Hobby aussieht. Ich hätte also auch Modelleisenbahnen sammeln können oder in den nächsten Fußballverein eintreten. Überall würden Gleichgesinnte auf mich warten. Aber nein, es musste das Sprühen sein. Gemeinschaft scheint also nicht das alleinstehende Merkmal zu sein, das die ungleiche Paar verbindet.

Beim Graffitispühen ist es vor allem eines, das im Zentrum der Aufmerksamkeit steht: Fame! Für ein geiles Bild, oder besonders waghalsige Aktionen, war man in der Szene meist tagelang das Gesprächsthema Nummer eins! Das trieb mich an und forderte mich und meine Crew zu immer neuen Aktionen heraus. Was am Ende übrig blieb waren verrückte Geschichten und ein Schuhkarten voller alter Fotos. Parallelen zum Karpfenangeln sehe ich hier vor allem in der öffentlichen Dokumentation von Fängen. Auf Facebook gibt es riesige Gemeinschaften, die sich gegenseitig ihre Fangfotos zeigen: Der größte Fisch, der schönste Fisch, die ungewöhnlichste Fangmethode… Auch hier ist Fame (Ruhm) die Währung nach der viele streben. Ich nehme mich da nicht aus. Natürlich freut es mich wenn ich positiven Zuspruch von Gleichgesinnten bekomme. Aber ist das wirklich der Grund warum ich Karpfenfischen gehe? Für mich kann ich diese Frage mit einem klaren NEIN beantworten. Öffentlichkeit ist zwar ein Teil meiner Angelei, aber nicht das Ziel. Das Ziel ist für mich der Weg selbst. Und damit komme ich zum dritten Aspekt, der für mich das Sprühen und das Karpfenangeln eint: Rebellion.

„Think Big“

Rebellion der Tristesse

Graffiti sprühen stellt für mich als Akt der illegalen Aneignung von Besitztum das Infragestellen des Systems von Mein und Dein dar. Indem ich ungefragt eine fremde Sache besprühte demonstrierte ich, das es mir egal war, das sich irgendwelche Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt darauf einigten das Nutzungsrechte bestimmten Menschen zuteil und  anderen verwehrt werden. Für mich war der Farbauftrag auf fremdem Gut immer ein Statement an die Gesellschaft, das bewusst Widerspruch bei den Leuten hervorrufen sollte. Umso mehr Sie sich aufregten und uns verfluchten, desto mehr war ich gefestigt in meiner Meinung, dass es den Menschen von heute nur um Waren und Geld, speziell das in ihren eigenen Taschen, geht. Der oberflächliche und polierte Anblick von Shoppingmals, die sauber gemähten Vorgärten und die frisch renovierten Gebäude meiner Heimatstadt schrien mich einfach an mit ihrem Hohn. Was ich vermisste waren Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und das hedonistische Leben. Doch diese allzu menschlichen Gesten die unser aller Leben so bereichern können, wurden verschluckt durch eine Welt, die ihre Ersatzbefriedigung im Kaufen und Besitzen von Dingen fand. Deshalb sprühte ich, um es ihnen allen zu zeigen, dass ich diese Welt nicht wollte.

Doch ich lebe in dieser Welt und ich habe mich mit ihr zu arrangieren. Auch mit den juristischen Folgen meiner bunten Rebellion musste ich mich arrangieren. Bis heute spüre ich dann und wann den Zorn, den der Zustand dieser Welt in mir auslöst. Doch meine Form damit umzugehen hat sich verändert, auch weil ich weiß das meine Art zu rebellieren nichts zu verändern vermag. Heute wähle ich eine Art zu rebellieren, die sich auf mich richtet. Heut gehe ich Karpfenangeln.

„Bei vielen unserer Jungs spielte Graffiti in der Vergangenheit eine ebenso wichtige Rolle wie heute das Karpfenangeln“

Carpangling against the system!

Ja ihr habt richtig gelesen. Karpfenangeln ist für mich eine Art Rebellion. Bereits wenn ich mein Auto packe und meine Liege als erstes den Platz im Kofferraum findet, spüre ich die Vorfreude auf den Ausbruch aus dieser Gesellschaft. Wie ein Parallelleben zum affektierten und konkurrenzbehafteten Unialltag kann ich die Tage am Wasser verbringen. Oft laufe ich tagelang barfuß an den Ufern der schönsten Gewässer entlang und gehe abends mit schmutzigen Füßen ins Bett. Niemand stört sich daran wenn ich beim Essen rülpse oder mir mit meinen dreckigen Händen den A…sch kratze. Ich klettere auf Bäume, tauche und beobachte die Tiere um mich herum und werde eins mit meiner Umwelt.

Am liebsten passe ich mich beim Angeln dem Rhythmus der Sonne an. Abends werde ich meist müde sobald die Sonne hinter den Bäumen verschwunden ist. Morgens kann ich nicht mehr schlafen, sobald die Vögel ihr Lied pfeifen und mich die ersten Strahlen des herannahenden Tages auf der Nasenspitze kitzeln. Kein Fernseher mit seinem künstlichen Weißlicht beeinflusst meinen Biorhythmus, kein Autogehupe oder Gegröle partywütiger Gesellschaftsmüder bringt mich um den Schlaf. Keine Verpflichtungen, außer derjenigen mienen Hunger mit zwei, drei Malzeiten am Tag zu befriedigen. Das Netz aus müssen, sollen und jetzt sofort, in das ich mich in meinem regulären Alltag so oft verstrickt sehe, löst sich von mir. Wenn ich mehrere Tage am Wasser bin, werde ich ein anderer Mensch. Vielleicht kommt dann der Mensch in mir zum Vorschein, der ich eigentlich bin, ohne die Erwartungen und Verpflichtungen der Gesellschaft. Wie sehr ich mich während meiner Ansitze von alten Gepflogenheiten entfernt habe, merke ich oftmals erst wieder auf dem Nachhauseweg oder am ersten Arbeitstag in der Universität. Dann sind sie wieder da, die kleinen, feinen Zwänge des Alltags und das permanenter Rauschen der modernen Welt.

„Frei von urbanen, gesellschaftlichen Zwängen“

Doch wo ist die Rebellion? Ist mein Verhalten nicht eher eine Flucht als ein Akt des Aufschreis? Nein! Denn die Rebellion, die ich beim Karpfenangeln führe, ist eine Rebellion gegen meine innere Anpassung an die Gesellschaft, die ich damals so hasste. Ich merke, das ich mich mit zunehmenden Alter immer weiter in den gemütlichen Cocon des westlichen Überflusslebens einspinne. Karpfenangeln holt mich zurück in ein anderes Leben, das mir die Möglichkeit gibt mein zweites, unbeflecktes Ich zu entdecken. So wie beim Spühen kann ich meine Existenz in einer Parallelwelt ausleben, von der nur diejenigen Kenntnisse haben, die bei mir sind. Was am Wasser passiert bleibt am Wasser. Das Leben wird purer, härter, reiner. Und das gefällt mir, weil es mir zeigt, dass ich auch anders kann und den Luxus nicht brauche!

Ich weiß nicht, ob es anderen sprühenden Karpfenanglern auch so geht wie mir. Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass wir auch beim Karpfenangeln dabei sind, die Möglichkeit der Erfahrung eines simplen Lebens zu verlieren.

„Zuhause ist, wo dein Herz ist“

Das schöne Leben in Gefahr

Das Leben, das ich am Wasser führe empfinde ich als rein und pur, weil es so grundlegend in Einklang mit etwas Größerem steht. Das moderne Karpfenangeln gefährdet meine Welt, weil es genau das natürliche Leben zweitrangig erscheinen lässt. Von der Industrie wird mir weiß gemacht, dass ich mindestens 1000 Dinge am Wasser brauche um erfolgreich zu sein. Sicherlich verbessern viele dieser Errungenschaften meine Aussichten auf Erfolg oder machen das Fische fangen einfacher. Ich möchte auch nicht die ganze Nacht neben meinen Ruten sitzen und auf den Biss warten. Die elektronischen Helferlein sind mir in dieser Hinsicht ein notwendiges und willkommenes Instrument. Da mache ich mir und euch auch nichts vor! Was aber niemals geschehen darf, ist, dass die Welt der Dinge zu wichtig wird. Allzu schnell ist der Blick dann nämlich für das Wesentliche verwischt und meine Welt befleckt von eben jenem Kommerz, dem ich zu entfliehen versuche.

„Auch heute fällt es uns noch schwer, die Finger von der Farbe zu lassen“

Ich habe mir deshalb vorgenommen meine rebellische Haltung aus Jugendtagen zu bewahren und mein Leben als Karpfenangler stehts kritisch zu reflektieren.

Wer sind wir und wo gehen wir hin?

Hasta la victoria siempre!

Euer

Philipp Woywode

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5 thoughts on “Zwei Welten vereint

  1. north_carp_sh

    Wow.. Ein super Text. Da scheint sehr viel Erfahrung hinter zu stecken. Ich persönlich habe jetzt nicht so eine Vergangenheit aber nutze das Angeln um nicht soeine Zukunft zu kriegen. Als leidenschaftlicher Karpfenangler denke ich nur übers angeln nach und komme nicht auf komische Ideen. ;P
    Tight Lines
    Christopher

  2. Rene

    Es ist immer wieder interessant, welche Charaktere bei Karpfenangeln so alles zusammenkommen und eigentlich menschlich gut miteinander auskommen. Wenn man sich mit den einzelnen Typen beschäftigt, trifft man auf ehemalige Hooligans, Punker, ehemalige Schwerkriminelle, Türsteher, Leistungssportler etc. Aber letztendlich bleiben es Menschen, die nun eben das Karpfenangeln eint. Sollte man mal Sozialstudien zu durchführen.

    1. Philipp Woywode

      Moin Rene,
      du hast die Beamten vergessen 😉
      Vielleicht schlage ich das mal im Institut vor eine Studie über soziologische Hintergründe der Angeler zu realisieren.

  3. Steven Klatt

    Sehr cool, dass wir dich damit auch erreichen konnten. Hast du denn auch mal gesprüht?

  4. Julian

    Sehr geile Story, so ähnlich gehts mir auch deshalb kann ich dich gut verstehen 🙂

    Gruß und Tight Lines

    Julian/AngelnAllround

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