Hart oder Zart?

Hart oder Zart?

Karpfenangeln heißt lernen. Zahllose Artikel wurden bereits über Taktiken, Montagen und Verhaltensweisen am Wasser geschrieben. Auch von Freunden kann man sich die eine oder andere Lektion abholen. Zu guter Letzt sind da die Videos in denen uns sogenannte Experten erklären wie man den Wasserschweinen am erfolgreichsten nachstellt.

Vieles, von dem was man von anderen Anglern erfährt, macht durchaus Sinn. Manches leider nicht immer und einiges ist ziemlicher Unsinn. Ist man erst mal uein paar Jahre selbst dabei, merkt man, dass einige Grundsätze des Karpfenangelns, die fast überall Gebetsmühlenartig wiederholt werden, nicht grundsätzlich mit der selbstgemachten Erfahrung übereinstimmen. Eine dieser Theorien ist die vom Futterplatz auf harten Böden.

Zurück zu den Wurzeln

Als ich mit dem gezielten Karpfenangeln angefangen habe, versuchte ich mich verstärkt an einem mittelgroßen Stadtsee in der Nähe meines Elternhauses. Das Gewässer erschien mir von Anfang an perfekt für Karpfen zu sein. Es gibt dort Seerosenfelder, Schilf, Inseln, Kanten, Unterwasserpflanzen, Muschelbänke, überhängende Bäume und jede Menge Schlamm. Ja richtig Schlamm! Meiner Meinung nach ein unsinnigerweise, oft ignorierter Teil des Gewässers. Doch lasst mich erklären…

Wie es nun einmal so ist, habe auch ich nicht mit einem Boot unterm Hintern angefangen auf Karpfen „abzulegen“. Nein, als junger Karpfenangler wirft man seine Montagen noch, und zwar ausschließlich. Da die Uferbereiche dieses Sees seit jeher mit einem undurchdringlichen Unterwasserdschungel bewachsen waren, musste ich diesen überwerfen und in der Sohle der jeweiligen Gewässerabschnitte angeln. Es interessierte mich zu dieser Zeit nicht, wie die Bodenbeschaffenheit dort draußen war. Wichtig war mir nur das meine Montage nicht im Kraut landete und somit aus meiner Sicht unfängig würde. Und tatsächlich: Ich fing meine ersten Karpfen mit meiner Technik. Wer fängt hat recht, wie es so schön heißt.

Erst später fing ich an die Gewässerabschnitte „abzuklopfen“ und mir ein genaueres Bild vom Gewässergrund zu erarbeiten. Ich hatte meine ersten Artikel in Fachzeitschriften gelesen und Videos, mit vor Echoloten hockenden Anglern, gesehen. Alle suchten das Gleiche: Harten Boden! Das alles wirkte auf mich sehr professionell und so legte auch ich zunehmend Wert auf das Angeln an möglichst harten Stellen des Gewässers…

„Akribische Vorbereitung, um das Rig so sauber wie möglich zu platzieren“

Das Experiment

Im Sommer dieses Jahres kehrte ich mit Tristan und mehr Erfahrungen auf dem Gebiet des Karpfenangelns im Gepäck, zurück an den See meiner Jugend. Wir waren gekommen um zu sehen was aus dem Bestand geworden war, und um ein paar Tage der Nostalgie zu erleben.

Natürlich gingen wir so vor, wie es richtige Carphunters machen. Der Geber des Echolotes wurde an den Spiegel des Schlauchbootes gefriemelt, um zunächst einen bildhaften Eindruck der Gewässerstruktur zu erhalten. Teile des Sees, die ich als junger Bursche nie erreicht hätte, wurden unter die Lupe genommen und ich war begeistert, was hier für „perfekte“ Stellen existierten. Wir fanden knallharten Boden an den Kanten der gegenüberliegenden Uferbereiche. Zusätzlich war dieser übersät von Muschelbänken, die den dunklen Seeboden wie eine schwarz-weiß gescheckte Kuh aussehen ließen. Gesäumt waren die regelmäßig auftretenden rund fünf bis zehn quadratmetergroßen Fraßstellen von dem altbekannten Krautwald der teilweise Höhen von vier Metern erreichte. Es erschien alles perfekt und wir mussten hier ablegen!

Doch mit einem Mal kamen mir meine Erfahrungen in den Sinn, die ich aus der früheren Angelei an diesem See kannte. Waren nicht die Karpfen damals auf die Montagen hereingefallen, die ich mitten in den Schlamm geworfen hatte? Warum ignorierten wir diese Stellen eigentlich so vehement? Na klar, das Echolot zeigte uns eine gerade Bodenlinie am Fuße der Krautbänke an. Das stellt uns vor ein großes Fragezeichen: Wo sollte man hier ablegen? Wo war der Anhaltspunkt für uns Angler? Alles sah gleich aus und zwar auf einer Fläche von Schätzungsweise 30 ha Grundfläche.

Schluss mit dem gehadere! Früher hatte mich auch nichts davon abgehalten diese Bereiche des Gewässers anzuwerfen, oder? Wir kamen auf eine Idee:  Nach geltendem Recht durften wir hier insgesamt mit sechs Ruten angeln. Wir beschlossen es auf einen Versuch ankommen zu lassen: Hart oder weich – Was fängt mehr Fisch? Drei Ruten wurden jeweils auf den Muschelbänken abgelegt. Drei Montagen landeten auf der weichen Seite der Krautbänke am Fuße der Kanten wo der Schlamm begann…

„Wer fängt hat recht!“

Hart und weich sind bloß Kategorien

Was mir in der Literatur oder den Angelfilmen oftmals fehlt ist eine Differenzierung der Bodenbeschaffenheit. Zwar werden die Kategorien hart und weich ständig gegeneinander ausgespielt, aber fast nie auf die genauen Eigenschaften der Böden eingegangen. Ein harten Boden kann zum Beispiel aus Steinen, Kies, Sand oder Muschelbänken bestehen. Im schwierigsten Falle haben wir all diese Typen in einer Mischform vertreten. Der versierte Karpfenangler meint zwar mit den Jahren den Unterschied zwischen den verschiedenen harten Formen des Untergrunds ertasten zu können, ich halte dies aber für eine unzureichende Information. Das Einzige was wirklich Aufschluss über die Zusammensetzung des Gewässerbodens verschafft sind die eigenen Sinne, vor allem Augen und Nase. Ich bevorzuge es deshalb dort runter zu tauchen und eine Probe mit an die Oberfläche zu nehmen.

Doch warum mache ich mir diesen zusätzlichen Aufwand, wird sich mancher fragen. Ganz einfach: Ich behaupte das es viele harte Untergründe in unseren Gewässern gibt, auf denen die Karpfen nicht zum fressen vorbei schauen. Und dort möchte ich meine Montage definitiv nicht präsentieren. Nehmen wir als Beispiel ein sandiges Plateau mitten im See. Der Klopftest mit dem Blei und auch das Echo zeigen uns ein vermeintlich perfekte Stelle zum füttern und fangen an. Doch warum sollten die Karpfen hier fressen? Damit diese Stelle tatsächlich interessant für uns wird, müsste sich hier auch natürliche Nahrung in Form von Kleinstlebewesen wie Bachflohkrebsen, Schnecken oder Muscheln aufhalten. Sand, ich glaube das weiß jeder, gehört nicht zur bevorzugten Nahrung der Karpfen. Ich will mit diesen Sätzen nicht behaupten das harter, sandiger oder steiniger Boden keine Nahrungsgrundlagen für die Karpfen bereithält. Auch hier können sich die natürlichen Snacks der Fische tummeln. Vor allem Muscheln stecken oft einige Zentimeter tief im Sand. Ich behaupte hier aber, dass wir mehr Informationen brauchen als die Härte des Bodens, wenn wir auf der Jagd nach den Karpfen nicht im Dunkeln tappen wollen.

Ähnlich verhält es sich selbstverständlich mit den weichen Bereichen des Gewässers. Auch hier gilt das weich nicht gleich weich ist. Die wohl gängigste Unterscheidung der weichen Böden ist wohl die in Faulschlamm und Nährschlamm. Während ersterer nach drei Monate abgelaufenem Ei riecht und für Kleinstlebewesen eher ungeeignet ist, ist letzterer äußerst Nährstoffeich, weil er aus frisch abgestorbenen Pflanzen besteht und deshalb meist voll mit Würmern und Zooplankton ist. Dieses Zooplankton im Schlamm stellt ein gedecktes Buffet für die Schweinchen der Binnenmeere dar. Auch hier gilt es zunächst den Unterschied im Groben festzustellen und den einen oder anderen Versuch zu wagen eine genaue Probe des Bodens zu entnehmen und an die Oberfläche zu entführen. Wer nicht tauchen kann oder möchte kann die Proben auch mit einem sogenannten Prodding Stick (kann auch selbst gebaut werden) ziehen. Im idealen Fall findet ihr in dem Boden Tubifex, eine Art der Schlammröhrenwürmer, die im getrockneten Zustand auch von Aquarienliebhabern als Fischfutter verwendet werden. Solche Stellen sind definitiv Karpfenverdächtig und müssen unbedingt beangelt werden!

Schwierigkeiten mit weichem Boden

Doch zurück zu unserem Experiment. Tristan und ich stellten relativ schnell fest, dass ein Bereich des Sees sehr produktiv zu sein schien, während andere Stellen keinen Fisch brachten. Wir konnten machen was wir wollten. Es biss immer nur auf den beiden Ruten die in diesem Bereich lagen. Glücklicherweise fanden wir in diesem Bereich beide Bodenbeschaffenheiten vor, sodass die Ergebnisse unseres kleinen Tests sich auf die gehakten Fische in diesem Areal beschränken müssen.

Glücklicherweise waren es Tristans Ruten die in diesem Bereich lagen. Erstens weil er definitiv nicht ohne Fisch von diesem See gehen sollte, zweitens, und das ist viel wichtiger, konnte ich deshalb eine weitere Lektion an diesem See lernen. Tristan angelt selbst im Schlamm mit nicht allzu langen Vorfächern. Im Prinzip sind diese mit 20-25 cm Länge nur unwesentlich länger als die Rigs die er auf dem harten Boden fischte. Diese Vorgehensweise wiederspricht ebenfalls einer bekannten Faustregel, die wohl abermals mit dem Spruch: Wer fängt hat recht quittiert werden muss. Eigentlich nicht verwunderlich das die Karpfen die Boilies auch tief aus dem Schlamm aufsaugten, schließlich stecken die Tiere beim fressen ihre Mäuler bis zu einem halben Meter in das Material wenn das Futter es erfordert. Also keine Angst, der Karpfen zieht eure Montage schon aus der Tiefe in seinen Schlund.

„Der Futterplatz auf weichem Grund kurz nach dem füttern“

Mir scheint, als ob das größte Problem der Karpfenangler die Präsentation des Futterplatzes und des Rigs für sie selbst ist. Und tatsächlich konnten wir durch unsere Unterwasseraufnahmen feststellen, dass das ausgebrachte Futter auf den weichen Stellen des Sees in nur einer Stunde fast vollkommen durch die Weißfischaktivität in den Schlamm gedrückt wurde. Dies galt sowohl für die Partikel, als auch für die Boilies. Durch aufgewirbelte Sedimente und rüsselnde Brassen ist schnell das letzte Körnchen Hanf unter dunkelgrünem Matsch bedeckt. Man sollte also vorsichtig mit allzu schnellen Rückschlüssen sein, das der Futterplatz von Karpfen angenommen wurde, wenn man am nächsten Morgen beim kontrollieren kein Futter mehr auf weichem Boden findet. Dieser Umstand ist aus unserer Sicht die einzige größere Schwierigkeit die beim fischen auf dem Schlamm entsteht.

„Nach einer Stunde ist nichts mehr zu sehen, obwohl nur Weißfische auf dem Platz waren“

Glücklicherweise geben gehakte Zielfische eindeutige Auskunft ob ein Platz läuft oder nicht. Bei uns war es wie gesagt nur eine Ecke des Sees in die sich die Fische beim sommerlichen Hochdruck an den Haken kriegen ließen. Nach vier gehakten und drei gelandeten Fischen konnten wir für uns die Erkenntnis ziehen das nicht der Harte oder weiche Boden besser fing, sondern die Stelle des Sees der entscheidende Faktor für einen Erfolgreichen Angeltrip war. Das Experiment ging zwei zu zwei aus.

„Tristan mit einem weiteren Fisch der gerne auf weichem Boden frisst“

Bleibt neugierig!

Ich will mit diesem Artikel vermitteln das wir Angler nicht immer den einfachen Grundregeln folgen sollten, sondern oftmals etwas weiter denken müssen um eigene Wege zu finden und unsere Erfolgschancen zu erhöhen. Wer dies nicht macht, muss sich nicht wundern, wenn er weniger fängt als die überlegteren Angler, die mehr Zeit und Aufwand investieren um ein Gewässer richtig zu verstehen. Lernt nicht aus Artikeln, sondern lernt aus der Erfahrung die ihr selbst am Wasser sammelt!

In diesem Sinne, glaubt nicht mir, sondern probiert alles aus. Seid kreativ und neugierig und findet euren Weg zum Fisch! Ich wünsche euch allzeit straffe Schnüre.

Euer Philipp.

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2 thoughts on “Hart oder Zart?

  1. Rene

    Moin,

    sehr richtig. Es macht allerdings einen Unterschied, aus welcher Tiefe man den Schlamm herausgräbt. Abgestorbene Blätter, Kraut und anderes liegen regelmäßig in den oberen Zentimetern der Schlammschicht und bilden meist einen geschlossenen, nährstoffreichen Teppich, während in tieferen Schichten Zersetzungsprozesse weit vorgeschrittenen sind. Auf dieser Deckschicht ist aber meist die Nahrung. Es verfälscht daher die Aussage, die Mächtigkeit der Schlammschicht mit einem Bank Stick, langen Arm oder überschweren Blei ergründen zu wollen. Eine Futterschaufel am Kescherstab hilft sehr gut, um die Oberfläche des Gewässerbodens mal anzuschauen, geht aber nur im Flachwasser.

    Habt ihr bei euren Kameraaufnahmen beobachtet, ob es einen Unterschied macht, normale Boilies oder „schwerelose“ Wafter zu benutzen. Das ist wirklich interessant, denn die Werbung meint ja, dass normale Boilies im Schlamm versinken würden…

    Gruß
    Rene

    1. Philipp

      Moin Rene,
      Danke für deine sinnvolle Ergänzung. Du hast recht, es ist immer vorzuziehen den Boden mit eigenen Augen zu untersuchen. Hilfsmittel geben nur einen näherungsweisen Eindruck.
      Wafter haben wir nicht gefüttert. Das waren normale Bodenköder. Soweit wir das beurteilen können, werden diese durch das aufgewirbelte Sediment schnell bedeckt. Ein Sinken konnten wir nur sehr begrenzt beobachten. Der Schlamm war aber auch nicht der weicheste den ich je gesehen habe. Die Kamera ist ja auch drauf stehen geblieben. Ich glaube da muss man auch nochmal unterscheiden. Gruß Philipp

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