Der halbe Karpfenangler

Der halbe Karpfenangler

Wer erinnert sich nicht gerne an die Anfänge seiner Angelei zurück? Damals bin ich oft von meinem Elternhaus mit dem Fahrrad und einem Rutenfutteral über der Schulter, zum See gefahren und habe ein paar Stunden auf Karpfen geangelt. Meist saß ich nur solange, bis die Dunkelheit Einzug gehalten hatte und packte dann wieder meine sieben Sachen zusammen. Ein Rucksack mit Ködern und Vorfächern, ein Klappstuhl und die Angelruten samt Kescher im Futteral – mehr war nicht nötig. Und ich war glücklich, ich war frei!

In den folgenden Jahren, gleich nachdem ich meinen ersten Karpfen auf Boilie gefangen hatte, begann sich mein Verhalten langsam zu ändern. Ich begann fortan auch Nachts den dicken Wasserschweinchen nachzustellen. Geschlafen wurde damals noch in einer Hängematte, die zwischen zwei Bäumen gespannt war. Schlafen ist hier das Stichwort, denn mit der ersten Nacht am Wasser wuchs meine Tackleberg unaufhörlich und schon bald hatte ich eine ganze Autoladung voller Ausrüstung angehäuft.

Ein Auto voller Tackle, kein Problem für viele Karpfenangler.

Die selbstgewählte Falle

Viel Tackle bedeutet einerseits Freiheit, Flexibilität und Komfort. Doch die Vorteile erfordern auch, dass  man das ganze Zeug ans Wasser bekommt. Dafür bedarf es starker Arme und eines fahrbaren Untersatzes. Während die starken Arme noch funktionieren, war es dieses Jahr zweites Kriterium, das ein ernsthaftes Problem darstellte!

Nachdem ich im April vom überwintern aus Asien zurückkehrte, stand ich vor einer Tatsache, die mir eigentlich schon seit einigen Monaten bekannt war: Ich musste mein Leben nach dem Studium aufbauen. Das heißt einen Weg in mein Berufsleben finden und mich in die hiesigen Lebensweisen wieder einzugliedern. Angeln stand da zunächst einmal an zweiter Stelle.

Natürlich hatte ich mir meine Situation selbst ausgesucht und ich würde heute alles nochmal fast genauso machen. Den Kopf nun in den Sand zu stecken und zu kapitulieren war ja auch keine Option! Eine praktikable Lösung musste her, wie ich möglichst schnell alles ordnen könnte und dann die bereits laufende Angelsaison in Angriff nehmen konnte. Für mich taten sich im Grau der Grundstimmung drei Lichtstrahle am Horizont auf, die mir Hoffnung gaben.

Trübe Aussichten? Auf keinen Fall! Wir machen das beste aus der Situation!

Warum in die Ferne schweifen?

Nachdem die wirklich wichtigen Dinge des Lebens geklärt waren, musste ich natürlich schnellstens ans Wasser. Es war mittlerweile sechseinhalb Monate her, dass ich das letzte Mal einen Karpfen in meinen Händen hielt. Ich denke jeder von euch versteht, wie heiß ich aufs Angeln war.

Als erstes rief ich Steven an und wir planten, wie wir gemeinsam schnellstens ans Wasser kommen. Aus Erfahrung wussten wir, dass unser beider Tackle nicht zusammen in sein Auto passen würde. Ein weit entferntes Ziel war demnach ausgeschlossen. Die nahe gelegene Spree war die optimale Lösung für uns beide.

Irgendwie fühlte es sich gleich wieder wie zu Hause an.

Wir beschlossen direkt nach der ersten, erfolglosen Session, uns den Strom mal so richtig zur Brust zu nehmen. Ein Jahr, verschiedene Jahreszeiten, immer auf der Suche nach dem Fisch, immer am moven, keine Gnade!. Wir hatten Zeit, wir waren motiviert bis in die Haarspitzen und wir hatten die Kamera immer im Anschlag. Die folgenden Monate fuhr Steven uns, samt Tackle, immer und immer wieder an die Ufer des Flusses und ich glaube, ich wäre verrückt geworden, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Wir gingen gemeinsam durch viele anglerische Höhen und Tiefen und lernten uns auf diese Weise noch einmal viel intensiver kennen, als wir es je zuvor getan hatten.

Natürlich dürfen auch die nervigen Seiten der Spreeangelei nicht fehlen.

Für alle, die jetzt hellhörig geworden sind, ja es wird das Ganze auch in Bewegtbildern auf Youtube geben. Unsere Erlebnisse werden ab Ende des Jahres in mehreren Teilen nach und nach veröffentlicht. Für euch heißt das, dass ihr euch in diesem Winter noch einmal in unser vergangenes Angeljahr von Anfang bis Ende hineinklicken könnt.

Fish on!

Muttersöhnchen

Auch oder gerade weil die Angelei in Berlin mich kräftig forderte brauchte ich ein entsprechendes Kontrastprogramm. Meine Seele, es geht einfach nicht anders, muss ein paar mal im Jahr die natürliche Kraft der großen Naturseen atmen, um sich aufzutanken. Für eine lange Fahrt in die Flure und Wälder des Nordostens der Republik konnte und wollte ich Steven nicht missbrauchen. Das wäre einfach ein unverhältnismäßiger Aufwand für ihn geworden und er hatte sich schon genug für mich geopfert.

Hier ist meine Seele frei!

Mein Plan B war das Auto meiner Eltern. Die wussten zwar aus eigener Erfahrung, dass ihr Auto von mir beim Angeln ordentlich in Mitleidenschaft gezogen wird, sagten aber dennoch zu. Vielleicht auch weil sie wussten, wie wichtig die oftmals intensiven Ausflüge für mich sind. Mein Herz machte Luftsprünge und schon saß ich im Bus auf dem Weg nach Mecklenburg.

Muttersöhnchen? Meinetwegen…

Mit dem leeren Auto und einem gefüllten Tank ging es direkt am frühen Morgen zurück nach Berlin. Dort angekommen wurde nicht lange gefackelt und der komplette Keller ins Gefährt verfrachtet. Und dann? Ja, dann ging es wieder zurück Richtung Küste.

Dass ich so eine Tour nicht für einen Wochenendtrip mache, versteht sich von selbst, denn am Ende ging es natürlich wieder Retoure. Runter nach Berlin, Auto ausgeladen, leeres Auto wieder dorthin gebracht, wo es hingehörte und abschließend wieder mit dem Bus nach Berlin zurück. Wahnsinn, was für irre Dinge man sich manchmal einfallen lässt, um seine ganz persönlichen Abenteuer zu erleben. Aber wisst ihr was, es hat sich gelohnt und ich würde es wieder machen! Wenn ich unbedingt muss…

Tristans Anhänger

Zweimal ging es gut. Zweimal konnte ich die große Runde drehen, um ein fahrbares Shuttle von meinen Eltern zu holen. Doch einmal, es war im Hochsommer, bekam spontan eine Absage und saß somit wieder in der großen Falle der Immobilität. Der Urlaub von Robert und Tristan für die geplante Session an der großen Talsperre war aber schon gebucht, verschieben ging nicht mehr. Ich hatte schon meine Absage in der Gruppe verkündet, als Tristan meinte, er hätte noch ein Ass im Ärmel.

Tristan erklärte sich spontan bereit, bei seinen Großeltern den alten Anhänger auszuleihen. Damit erklärte er gleichzeitig seine Bereitschaft für mich eine große Extrarunde von Hamburg über den Spreewald zurück nach Berlin zu drehen. Ich war überwältigt von so viel Aufopferungsbereitschaft und tat mich sehr schwer damit zuzusagen.

Zwei komplette Ausrüstungen für eine Woche Talsperre. Da kommt schon was zusammen.

Am Ende aber siegte die Angelsucht und ich sagte dem Angebot zu. Etwas demütig sah ich dem Termin unseres Treffens schon entgegen. Schließlich bedeutete die Einladung einen erheblichen Mehraufwand. Und was hatte ich als Gegenleistung zu bieten als ein einfaches Dankeschön und einem Zwanziger für den Tank? Als dann mitten auf der Autobahn noch einer der Reifen des Anhängers platzte, wurde es endgültig unangenehm. Tristan wurde zusehends auch unruhiger, angesichts des unverhältnismäßigen Stresses, den er sich aufgehalst hatte. Am Ende aber ging alles gut und wir erreichten die Talsperre. Wieder einmal war ich mithilfe meiner Freunde ans Wasser gekommen. Glücklicherweise brachte mich Tristan nach der katastrophalen Anreise sogar wieder nach Hause.

Der Sommer kann auch ohne eigenes Auto geil werden.

Anstrengend, aber lehrreich geht das Jahr zuende

Am Ende schaffte ich es dieses Jahr öfter am Wasser zu sein, als ich zunächst  befürchtet hatte. Natürlich war ich nicht völlig frei in meinem Handeln, musste lange vorausplanen und mich den Bedingungen und Terminen meiner Mitmenschen fügen. Dennoch bin ich unendlich dankbar für dieses Jahr, denn es hat mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin und Mitmenschen habe, die mir unter die Arme greifen, wenn ich ihre Hilfe brauche. Definitiv gibt es weitaus Schlimmeres, als ein Jahr nicht zum angeln fahren zu können.

Doch daraus kann ich lernen, dass ich Menschen um mich habe, die für mich da sind, wenn ich es alleine nicht schaffe. Einmal mehr hat sich gezeigt: ohne Freunde bist du nichts, ohne Familie bist du nichts! Pflegen wir unsere Freundschaften! Reichen wir uns die Hände und sind bereit, wenn wir einmal helfen können.

Nur gemeinsam sind wir stark! Danke für ein intensives Jahr.

Frohe Weihnachten,

Philipp Woywode (euer halber Karpfenangler)

 

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