Auf zu neuen Ufern – so gehen wir an unbekannte Gewässer heran

Auf zu neuen Ufern – so gehen wir an unbekannte Gewässer heran

Neue Gewässer geben Hoffnung und sind einfach jedes Mal eine Herausforderung, die das Angeln extrem spannend macht. Werde ich den richtigen Riecher haben und die Karpfen auf Anhieb finden? Und falls nicht, wie lange wird es dauern, bis der erste Karpfen dieses Sees oder Flusses in meinem Kescher landet? Wie sehen die Fische hier überhaupt aus, zu welchen Größen wachsen sie ab und welche Nahrung ist hier der Bringer? All diese Geheimnisse wollen wir lüften und zwar ganz alleine. Doch vor dem eigentlichen Angeln steht meist ein langer Weg. Informationen wollen gesammelt und ausgewertet, Gewässer beobachtet und begutachtet werden.

In diesem Artikel möchte ich unsere Überlegungen und Vorgehensweise beschreiben, wenn wir uns neuen Gewässern nähern und auf welche Informationen wir bei der Auswahl vertrauen.

 

Das Internet

Die Auswahl an guten und geeigneten Gewässern in unserer Region sind schier unglaublich. Karpfen schwimmen in fast jeder Pfütze und nicht nur die großen Gewässer bringen tolle Fische hervor. Diese Tatsache macht die Auswahl von Anfang an zu einer echten Mammutaufgabe. Wir sind also zuerst einmal daran interessiert, die Gesamtheit der Gewässer auf ein handhabbares Maß zu reduzieren.

Am Besten bekommt man einen Gesamteindruck von den Dingen, wenn man sie mit Abstand betrachtet. Wir nehmen gerne die ganz große Perspektive ein und gucken aus dem Weltall hinunter auf unsere schöne Erde. Google Maps ist einfach klasse wenn es darum geht ein Gewässer und dessen Umgebung grob einschätzen zu können.

Sandbänke, Schilfgürtel, Seerosen. Wer kommt da nicht ins Schwärmen?

In der Anwendung kann man erkennen, ob der See umwaldet ist, wie die Anfahrt im Großen und Ganzen funktionieren könnte, wo dichte Schilfkanten ein Angeln wahrscheinlich unmöglich machen und an welchen Stellen im Sommer Seerosen wachsen. Außerdem kann hier mit einem Rechtsklick das Werkzeug zum Entfernungen messen aufgerufen werden und man kann bereits am Computer Bereiche recherchieren, die in der Reichweite unseres Schnurfassungsvermögens liegen.

Alles im machbaren Bereich.

Ist so eine erste Auswahl an interessanten Gewässern zusammengekommen, geht die Recherche weiter. Auch hier kommt uns das Internet sehr entgegen. Oft hört man die Klagen der alteingesessenen Karpfenangler, dass seit der Einführung des Internets überall die Informationen leicht zugänglich wären und das Angeln seitdem kein Problem mehr darstelle. In gewisser Weise mögen sie damit recht haben. Ist ein Gewässer erst einmal als außergewöhnliches Karpfengewässer bekannt, ist dort ein ungestörtes Fischen meist nicht mehr möglich.

Hier werden wir unsere Ruten wahrscheinlich nicht auswerfen…

Wir verkehren jedoch zumeist nach einer umgekehrten Suchlogik. Nicht die Gewässer über die alle schreiben, das hier gute Karpfen zu holen seien, interessieren uns, sondern vielmehr jene, über die so gut wie garnichts herauszufinden ist. Das bedeutet nämlich vor allem meist eines: absolute Ruhe und Handlungsfreiheit. Und genau danach suchen wir!

Weiterhin ist für uns interessant zu erfahren, wie viele andere Angler, die zum Beispiel Raubfischen und Aalen nachstellen auf den Gewässern unterwegs sind. Seen, die für ihren tollen Bestand an Meterhechten bekannt sind, ziehen magisch auch die Angler an, die gerne diesen Fischen nachstellen. Logisch soweit. Das man dann als Karpfenangler nicht selbstverständlich seine Schnüre von einem Ufer zum anderen Spannen kann, sollte eigentlich klar sein. Falls tatsächlich einmal die eigene Schnur durch einen tiefgeführten Blinker “eingesammelt” werden sollte, verzweifeln wir nicht und nehmen ein erneutes Auslegen auch in Kauf. Damit muss man eben leben, wenn man seine Montagen mit dem Boot auslegt. Wir gönnen jedenfalls jedem seinen Fisch und seine Erholung in der Natur. Dennoch halten wir uns an die Faustregel: Je weniger wir im Netz finden, desto besser!

Wo viel im Internet zu finden ist, wird man seinen Frieden kaum finden.

Das Gespräch

Nach mehreren Wochen ausgiebiger Internetrecherche haben wir in einer Excel-tabelle alle Gewässer festgehalten die im Raster hängen geblieben sind. Das kann eine recht lange Liste werden, wenn wir die Maschen unseres Netzes nicht eng genug geknüpft haben. Jetzt geht es an die nächste Aufgabe. Endlich können wir den blöden Computer ausschalten und zum menschlichen Teil der Recherche übergehen.

Social am Wasser – Immer eine gute Idee.

Mittlerweile verfügen wir über ein ganz passables Netz an losen Anglerbekanntschaften und echten Freunden, die weit über die Lande verteilt sind. Und dieses Netz ist wahrhaftig goldwert. Im geografischen Großraum um die Gewässer haken wir gezielt bei unseren Bekannten nach. Oftmals sind es nicht unsere ersten Ansprechpartner selbst, die uns zum jeweiligen Gewässer informieren können. Aber es ist tatsächlich so, das irgendwer immer irgendjemanden kennt, der einem Informationen zu den Gewässern aus erster Hand geben kann. So rollt die Maschine nicht selten über mehrere Ecken und ein recht brauchbares Maß an Informationen kommt zusammen. Wir persönlich begrüßen es sehr wenn die soziale Gemeinschaft unter einigen Karpfenanglern noch funktioniert und einem nicht jedes tolle Erlebnis am Wasser missgönnt wird.

Natürlich verhalten wir uns nicht wie die Axt im Walde und wollen wissen, wo und wie wir an einem bestimmten Gewässer angeln müssen, um den Seekönig zu fangen. Das wollen wir schon noch selbst herausfinden. Uns stumpf auf die Erfahrungen anderer Angler zu verlassen ist hochgradig unbefriedigend und nimmt dem Hobby seinen Reiz. Wer gerne alles genauso machen möchte, wie er es in Artikeln und Foren liest oder Videos sieht, dem steht das frei, uns ist das zu langweilig.

Was uns natürlich interessiert ist eine grobe Einschätzung der Locals zu der Bestandsdichte und dem Durchschnittsgewicht, der Besatzpolitik der Verbände oder betreuenden Vereine und dem Vorkommen eines interessanten Altbestands. Hier nehmen wir kein Blatt vor den Mund. Ein überschaubares Gewässer, in das jedes Jahr tonnenweise Satzkarpfen eingesetzt werden, wird schnell zur Belastungsprobe. “Durchangeln” zu den Großen ist ebenfalls nicht unser Stil und Ziel.

Durchangeln ist nicht so unser Stil. Freuen können wir uns trotzdem über jeden Fisch.

Stellen sich die Beschreibungen so dar, dass sowohl regelmäßig besetzt wird, aber auch noch genügend Individuen der älteren Generation, die bereits mehr als 10 Sommer auf dem Buckel haben, dort herumschwimmen, ist das Gewässer definitiv interessant für uns. Jetzt kommen wir zu weiteren wichtigen Fragen, wie Erfahrungen mit Autoeinbrüchen, vorhande  Parkmöglichkeiten, schwierigen Förstern oder gar Angelvereinen, die gegenüber Karpfenanglern eher unfriedlich eingestellt sind. Gerade Letztere wissen, wie sie unserem besonderen Typus, das Ausleben unseres Hobbys schwer machen können. Anfütterverbote und das penible Beobachten der Verwendung von Wetterschutzen sind nur zwei Möglichkeiten uns das Angeln gehörig zu versauen. Dementsprechend muss im Voraus eine Handlungssicherheit bestehen, wo und wie geangelt werden darf. Es liegt nicht nur im eigenen Interesse, eine schöne und stressfreie Session zu erleben, sondern auch den Ruf als Karpfenangler nicht zu schädigen.

Das sind doch mal wirklich brauchbare Infos.

Der  persönliche Informationsaustausch mit unseren Freunden und Bekannten ist selbstredend keine Einbahnstraße. Wo wir können, helfen wir auch den anderen Anglern, die wir kennen und uns ihrerseits um Informationen bitten. Nichts liegt uns ferner, als die Geheimniskrämerei mancher Eremiten, die einsam an ihrem See hocken und deren Gedanken sich ganz nach Gollums Lieblingssatz richten: “Mein Schaaaatz!”

 

Die Begutachtung

Ist ein Gewässer nach intensiver Auslese im Internet und eingeholten Informationen aus erster oder zweiter Hand immer noch interessant, oder womöglich noch interessanter geworden, müssen wir noch vor dem ersten Fischen einen Eindruck vor Ort gewinnen. Grundsätzlich favorisieren wir für ausgedehnte Erkundungstouren den Winter. Von Frühjahr bis Herbst wird gefischt und ein Gewässer dann ohne Angelrute zu besuchen, kommt so gut wie nicht vor.

Winterzeit ist Scoutingzeit.

Für die intensive Inaugenscheinnahme nehmen wir uns viel Zeit. Seen bis 300 Hektar werden auch schon mal zu Fuß umrundet. Klar, das da schnell mal ein ganzer Tag drauf geht. aber es lohnt sich in vielerlei Hinsicht.

Tristan ist stets mit vollem Einsatz dabei.

So kann es sehr lehrreich sein zu sehen, wie sich vermeintliche Angelstellen, die aus der digitalen Vogelperspektive äußerst attraktiv erschienen, plötzlich garnicht mehr so vielversprechend aussehen und andere Landstriche, die man so niemals für beangelbar gehalten hätte, plötzlich doch urbar gemacht werden können. Einige Stellen deuten beim Begehen bereits an, dass hier mit den ersten warmen Tagen im Frühjahr ein riesiges Moor entstehen wird, welches das Campieren unmöglich macht. An anderen Stellen ist plötzlich ein Baum abgeschlagen, der in der letzten Saison noch hier gestanden haben muss und das Lagern verhinderte. Es tun sich also bei einem solchen Rundgang genauso Möglichkeiten auf, wie Hoffnungen für immer verschwinden. Aber genau für solche Klarheit, die manchmal auch weh tun kann, machen wir diese Trips. Denn nichts ist schlimmer, als mit gepackten Sachen irgendwo aufzukreuzen um vor Ort festzustellen, dass hier angeln nicht möglich ist.

Noch kann man hier stehen, im Frühjahr wird man hier sein Camp wahrscheinlich nicht aufbauen können…

Idealerweise machen wir, noch vor dem ersten Trip, zusätzlich zum Landgang, auch eine Fahrt über das Gewässer. Mit dabei sind natürlich Klopfblei und Echolot. Dabei entstehen bereits erste Ideen, wo sich die Fische möglicherweise aufhalten könnten und es können Einschätzungen gemacht werden welches Equipment benötigt wird. Rodpod oder Banksticks? Geflochtene Schnur oder Monofile? Wathose oder Stiefel? Besser vorbereitet als jetzt, kann man eigentlich kaum noch sein. Außerdem steigert sich bei so einem Trip die Vorfreude auf den ersten Ansitz bereits ungemein.

Direkt über der Holding-Area stehen? Der Winter macht’s möglich…

Jetzt wird endlich geangelt

Haben wir uns für eins, zwei oder drei Gewässer entschieden, die wir unter Beschuss nehmen wollen, ist es höchste Zeit zu angeln. Die sonnigen Tage werden mittlerweile immer länger und die Wassertemperaturen aktivieren nach und nach das Leben unter der Oberfläche. Die ersten Frösche und Lurche sind wieder an den seichten Bereichen der Ufer zu entdecken und geben uns das Zeichen auf das wir alle gewartet haben. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der sich zeigt, wie gut wir tatsächlich vorbereitet sind. Eins muss uns aber immer klar sein, auch mit der besten Vorbereitung sind wir nicht vor Überraschungen gefeit. Die Natur und die Launen der Fische folgen ihrer eigenen unkontrollierbaren Logik. Und das ist auch gut so und macht unser Hobby so interessant! Könnten wir alles bis ins letzte Detail durchdenken und vorausplanen, wäre es nicht mehr dasselbe und die Freude oder Überraschung, die wir doch eigentlich jedes Mal suchen, wäre ganz schnell dahin. Also alle Planung hat seine Grenzen. Jetzt lassen wir uns im Moment fallen und genießen den Augenblick, gut vorbereitet, in stetiger Hoffnung auf das Unvorhergesehene.

 

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