Asiatisch für Anfänger

Asiatisch für Anfänger

Sicherlich kennen die Meisten von euch das Sprichwort ‚Reisen bildet‘. Das trifft in vielerlei Hinsicht zu. Es bringt uns den Menschen anderer Länder näher, wir können über fremde Essgewohnheiten lernen und erweitern unseren Horizont mit Philosophien, die unsere eigene Lebens- und Denkweise ergänzen. Ich war in den letzten sechs Monaten im Süden Asiens unterwegs um eben jene Erfahrungen zu machen, die mein Leben bereichern können. Doch ich war auch stets mit dem Auge und Geist des Anglers unterweg, immer auf der Suche nach neuen Eindrücken, Fischarten, Techniken und Gewässern. Ich versuchte mich hin und wieder selbst im Fischfang und musste feststellen, dass vieles in Deutschland anders ist und so musste ich meist als Schneider das Feld räumen. Dennoch war meine Reise auch in anglerischer Sicht ein Erfolg, weil ich etwas lernen konnte, das mir sicherlich auch in heimischen Gewässern nützlich sein kann. Vielleicht kann ich euch mit den folgenden Zeilen auch ein wenig inspirieren eure Angelei ein wenig neu zu betrachten, oder euch zumindest in eurer Phantasie ein Stück weit mit auf meine Reise nehmen.

Keep it simple

Grundsätzlich ändert sich auch in Asien nicht viel an der generellen Vorgehensweise, wenn man ohne Plan vor einem Gewässer steht und nicht weiß wo, wie und womit man hier Fische fangen soll. Wir brauchen Informationen, und die bekommen wir entweder im Angelladen, oder von den einheimischen Anglern vor Ort.

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„Mit den Locals reden eröffnet neue Denkweisen.“

Wie auch in Deutschland, sind nicht alle Kollegen gleichermaßen geeignet Hilfestellung zu leisten. Die größte Hürde in Asien schien mir oftmals die Sprachbarriere zu sein. Die allerwenigsten sprachen Englisch und das, was tatsächlich herauszubekommen war, war oftmals minimal. In aller Regel war es aber bereits erleuchtend den Einheimischen über die Schulter zu gucken. In Nepal und Indien zum Beispiel verwenden die Angler ein System, an dem mehrere Vorfächer an eine Metallspirale geknotet sind, die als Futterkorb dient. Das Material ist dabei eher grobschlächtig. Dicke Textilfäden, die zwar in mehr oder weniger unauffälligen Erdtönen gehalten sind, verbinden den Haken mit dem Futterkorb. Die messingfarbenen Haken werden einfach mit dem Schenkel voran in den Futterball gesteckt.

Unter Wasser muss sicherlich ein ziemliches Gedränge um den Teigball herrschen. Indem der Futterneid der Fische angesprochen wird, gerät wohl der eine oder andere Haken beim wilden Fressen in das Maul. Anders kann ich mir beim besten Willen nicht erklären, wie sich ein Fisch mit dieser Methode sonst haken sollte.

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„Viele Haken und ein Teigbällchen – das ist die typische Methode mit der in Nepal, Pakistan und Indien gefischt wird.“

In Deutschland wäre so ein System schon alleine aus Gründen des Tierschutzes nicht anwendbar und auch nicht zu empfehlen. In indischen Foren wird viel über diese Montage diskutiert, weil nicht selten verendete Katlas oder Rohus gefunden werden, deren Maul von allen Seiten mit Haken regelrecht vernagelt sind. Davon abgesehen ist das System meiner Meinung nach auch nicht dafür gemacht besonders erfahrene oder besonnene Fische zu fangen. Ich selbst konnte beobachten das meist kleinere Tilapia auf diese Masche hereinfielen. Nur ein einziger Karpfen, der nicht mal ein Kilo erreichte, wurde in meinem Beisein mit dieser Methode auf die Schuppen gelegt.

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„Big catch.“

Ganz Grundsätzlich behaupte ich, dass die Techniken mit denen hier auf Friedfische gefischt wird, ausgesprochen einfach sind. Alle basieren auf dem Prinzip des Bold-Rig, bei denen ein Gewicht vor dem Haken für das selbstständige Eindringen des Hakens im Fischmaul sorgt. Der Kreativität der Angler, was das Gewicht betrifft, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Selbst schwere Schrauben, an einer Nylonschnur geknotet, reichten aus, um Fische zu haken.

Als Rute, sofern vorhanden, diente oftmals ein einfacher Bambusstock oder ein Set, das bei uns eher im Nettoregal als im Angelladen zu finden wäre. Extrem mittellose Angler wickelten die Schnur auf eine leere Flasche oder Getränkedose auf und warfen geschickt bis zu dreißig Meter weit aus. Gedrillt wird mit der Schnur in der Hand. Das mit diesem Equipment keine Riesen gefangen werden, versteht sich von selbst.

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„Einfacher geht es wirklich nicht. Angler in Kerala, Indien“

Das elektronische Bissanzeiger Fehlanzeige in der dortigen Angelei sind, werdet ihr euch sicher denken können. Ein Biss wird entweder über die vibrierende Rutenspitze oder das Abziehen von Schnur durch die offene Rollenbremse angezeigt. Mich erinnert diese Art der Angelei sehr an meine eigenen ersten Ansitze. Einfach neben den ausgelegten Ruten eindösen ist nicht möglich. Dafür ermöglicht diese Herangehensweise uns stärker beim eigentlichen Akt des Angelns zu bleiben. Konzentration auf das Gerät ist gefragt. Eine Ablenkung mit elektronischen Medien, die akustisch jegliche Wahrnehmung von Umweltgeräuschen übertönt, verbietet sich auf diese Weise von ganz allein. Wir können die Vögel wieder hören und vielleicht auch bald ein Surren der heißlaufenden Bremse! Irgendwie spannend, oder?

Boilies sind hier Fehlanzeige

Natürlich versuchte ich am Anfang die Karpfen, die es hier zweifellos gibt, mit meinen Boilies zu überlisten. Vor allem in die Popups hatte ich großes vertrauen. Als Beifutter diente ein Teig, den ich aus den typischen asiatischen Zutaten anmischte, welche ich mir im Lebensmittelgeschäft besorgen konnte. Maismehl und Reismehl bildeten die Basis. Verfeinert wurde das Ganze mit Sämereien wie Erdnussbruch und Sesam. Später bekam ich den Tipp Hühnerfutter, das ich nur in speziellen Läden bekäme, mit unter das Futter zu mischen. Um das Blei gedrückt sollte mir diese Mischung die Fische auf den Platz bringen. Ohne umschweife gebe ich zu, das der Plan in keinster Weise aufging. Nicht einen einzigen Zupfer konnte ich auf diese Weise für mich verbuchen, obwohl ich an Spots fischte, die mir äußerst vielversprechend erschienen.

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„Anfangs glaubte ich noch fest an die Macht der Boilies…“

Jetzt könnte ich behaupten, dass ich nicht lang genug gefischt habe, zur falschen Zeit dort war oder vielleicht an den falschen Stellen meine Fallen aufgebaut habe. Das wäre jedoch Selbsbetrug, da ich mich mit meiner herangehensweise auch an Spots versuchte, die die Einheimischen frequentierten. Die Tatsache das die anderen fingen und ich nicht, lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass mein Futter, sprich die Boilies, nicht in das Nahrungsspektrum der Fische passten und somit nicht von Interesse waren. Ausschließlich diese Erklärung erscheint mir schlüssig. Denn auch in deutschen Gewässern müssen Karpfen zunächst an die unnatürlichen Proteinbomben gewöhnt werden. Das ist uns vieleicht nicht unmittelbar klar, weil die Fische bereits durch Teichzucht und jahrelange Erfahrung aus dem Vereinsgewässer auf künstliches Futter eingestellt sind. Pellets und öliges Futter wird meist ohne Probleme akzeptiert, doch das ist nicht immer so. Gerade in Gewässern in denen eine natürliche Fortpflanzung der Karpfen gegeben ist, können wir mit natürlicheren Ködern wie Mais sicherlich schneller zum Erfolg kommen, als mit dem „Kunstköder“ Boilie. Die Asiaten die ich beobachten konnte fischten jedenfalls mit Ködern die in ihrer Erscheinung die natürliche Nahrung am ehesten imitieren. Garnelen oder der klassische Wurm sind der Bringer. Letzterer verhalf auch mir zum Erfolg und sorgte dafür das ich nicht als Schneider nach Deutschland zurückkehren musste. Wenn ihr also mal nicht weiter wisst und die Fische ausbleiben, versucht doch mal wieder die Klassiker Mais, Made und Wurm.

asienblog8„… am Ende entschneiderten mich die guten alten Mistwürmer „

Wo soll man anfangen?

Das wichtigste, das dürfte eigentlich allen von euch bekannt sein, ist die Stelle an der wir unsere Köder präsentieren. Wo kein Fisch ist, dort können wir auch nichts fangen. Typische Hotspots, wie wir sie in Deutschland kennen, waren schwer auszumachen. Die Seen sind topographisch nicht sehr variantenreich, was sicherlich auch an der anderen Entstehungsgeschichte, als dem eiszeitlich geprägten Mecklenburg und Brandenburg liegt. Mit einer typischen Badewannenstruktur, einem Boden der meist lehmig ist und keinen Krautfeldern tat ich mich schwer eine begründbare Entscheidung zu treffen wo der Köder am sinnvollsten zu platzieren ist. Zeit um die Gewässer kennenzulernen, stellt sich somit mal wieder als wichtigster Faktor, der über Erfolg und Misserfolg entscheidet, heraus. Zeit die ich nicht hatte und so verließ ich mich oft auf die Gründelblasen und sichtbare Fischaktivität die sich in Form von kleinsten Ringen an der Oberfläche zeigten.

Am Ende stand ich meist an den Stellen, an denen alle anderen auch angelten. Ob das heißt, dass es hier besonders erfolgversprechend war weiß ich nicht. Kritisch sollte man sich die omnipräsente Bequemlichkeit der Asiaten bewusst machen. Eventuell liegt es eher daran das alle anderen auch an einer bestimmten Stelle angeln, als an der objektiven Qualität des Spots. Ich nehme an mit dem Einsatz von Zeit und Fleiß ließe sich oftmals ein „privater“ Futterplatz aufbauen, auf dem vielleicht sogar der eine oder andere Ausnahmefang möglich wäre. Aber darum geht es den Asiaten nicht und ich hatte keine Zeit für derlei Projekte. Dennoch deutet sich bereits darin der wahrscheinlich grundlegendste Unterscheid zwischen der asiatischen und europäischen Einstellung zum Angeln an. Wir wollen meist einen besonderen Fang machen, während es die Asiaten eher auf den Weg zum Ziel abgesehen haben. Eine schöne Zeit haben steht eher im Vordergrund und Strapazen werden so gut es geht vermieden. Jeder muss sich selbst fragen was er sucht und beide Optionen scheinen mir gleich gut zu sein.

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Fische sind Futter

Eines muss man klar herausstellen, die Grundeinstellung zum angeln ist in Asien eine andere, als in Deutschland. Wer hier angeln geht, der tut dies immer mit dem Hintergedanken der Nahrungsbesorgung. Alle Fische wurden grundsätzlich abgeschlagen. Die Größe der Beute schien dabei unerlässlich, selbst der kleinste Fisch dient als Proteinlieferant, der im Zweifel mit Haut und Kopf im brodelnden Ölbad landet. Auch bezüglich der Arten sind die Asiaten nicht wählerisch. Tintenfische und Schlangen als Beifang werden definitiv auch im Kochtopf landen, solange sie irgenwie genießbar sind.

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„Ein Laote lässt sich seinen Fang schmecken.“

Meine Annährungsversuche mit der Kamera wurden deshalb meist kritisch beäugt. Gefangene Fische zu fotografieren kommt hier niemandem in den Sinn. Wozu auch? Die geringe Wertschätzung dem Lebeweisen, als etwas einzigartigem, spiegelte sich schließlich auch im Umgang mit dem Fang wider. Wenn der Fisch lebendig im Setzkescher gehältert wurde, war das noch eine milde Umgangsform. In aller Regel landeten die Tiere lebendig im Gras und wurden ihrem Schicksal überlassen, was unter dem Strich den qualvollen Erstickungstod bedeutet. Von waidgerechtem Umgang sind die Asiaten weit entfernt. Fischereischeine, die eine Prüfung und Erziehung zu naturschützenden Maßnahmen, beinhalten sind reine Utopie in diesem Teil der Erde.

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„Klein, aber für eine Fischsuppe wohl ausreichend. Welse aus Myanmars Flüssen.“

Als Folge des unnachhaltigen Verhaltens der Angler sind die Bestände ziemlich degeneriert. Die Durchschnittsgröße der zu erwartenden Fische in geschlossenen Binnenseen ist relativ klein und dürfte bei ungefähr einem Kilo für Karpfen liegen. Invasive Arten wie der Tilapia stören die Entwicklung der heimischen Fauna und zeugen von planlosem Raubbau an den natürlichen Ressourcen. All diese Folgen spiegeln eine kurzfristige Denkweise wieder. Ein Urteil über Menschen zu fällen, die in aller Regel weniger zu Essen haben, als ein europäischer Student, liegt mir fern. Bezogen auf Deutschland muss ich aber feststellen, wie wichtig mir die Naturerziehung als Teil des Hobbies angeln erscheint. Gerade die Weitergabe von Werten innerhalb der Gemeinschaft und auch gesetzliche Verpflichtungen, wie Fischereischeinprüfungen, sind wichtig, damit wir lernen wie wir uns der Natur und Kreatur gegenüber zu verhalten haben, denn der Umgang mit den Ressourcen im fernen Asien erscheint mir mehr als fraglich.

Und was lernen wir aus der Geschicht‘?

Wie immer im Leben macht die Mischung die Würze im Leben aus. Praktiken und Einstellungen, die ich daheim für selbstverständlich hielt, kann ich aus einer fremden Perspektive neu bewerten und gelange so zu befruchtenden Schlüssen.

Vieles was ich bereits von daheim kenne, ist natürlich auch auf Asien übertragbar. Informationen die man zu Gewässern, Taktiken und Vorgehensweise von den Lokalen erfährt, müssen kritisch hinterfragt, und im Kontext betrachtet werden. Es gibt Plätze an denen ein bestimmter Schlag von Menschen sein Anglerglück bevorzugt versucht, die aber nicht zwangsläufig die besten Plätze sein müssen. Es kommt am Ende darauf an für sich zu enscheiden mit welcher Motivation man das Wasser aufsucht. Suche ich vor allem sozialen Anschluss und ein einfaches Angeln, kann der offensichtliche Platz am See bestimmt die bessere Wahl sein. Suche ich Ruhe und außergewöhnliche Fische muss ich wahrscheinlich die ausgetretenen Pfade meiden.

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Futter und Montagen sind Faktoren, die in der Karpfenangelszene wahrscheinlich am meisten diskutiert werden. In Asien angelt man simpel und das hat mich inspiriert. Eine Selbsthakmontage wird ihren Job machen, wenn sie eingesaugt wird und der Haken scharf ist, alles andere ist sekundär. Auch Mais und natürliche Köder werde ich dieses Jahr wohl stärker in Betracht ziehen, denn zur richtigen Zeit, am richtigen Ort eingesetzt können diese sicherlich eher Fisch bringen als Boilies und Pellets.

asienblog10„Angeln ist Freiheit.“

Grundsätzlich aber lehrte mich Asien die Angelei und das Drumherum neu zu bewerten. Unser Hobby entspringt dem Bedürfnis der Nahrungsbeschaffung, ist aber mittlerweile davon losgelöst und deshalb teilweise pervertiert. Während die Angelei in unseren Breitengraden manchmal einem riesigen Zirkus gleicht, in dem der Fisch zum Objekt von narzistischen und wirtschaftlichen Interessen verkommt, wird das Lebewesen in Asien aus mangelndem Respekt oder Unwissen zwischen herumliegenden Plastiktüten seinem Schicksal überlassen. Beide Wege sind nicht richtig und die Wahrheit liegt, wie meist, irgendwo in der Mitte. Ein gesunder Umgang mit dem Fisch als Kreatur, die Respekt verdient, sollte das Ziel sein. Das ist weder als reines Fotoobjekt, noch im nicht-waidgerechtem Umgehen mit dem Lebewesen realisiert. Schaue ich auf die deutsche Szene, so denke ich, das viele einen Gang zurück schalten sollten und unsere Augen wieder für das große Ganze offen halten. Genießen wir unsere Zeit wie ein Asiate und versuchen mit dem uns eigenen Elan vorzugehen, kann unser Hobby am Ende nur umso besser und erfolgreicher werden!

In diesem Sinne: Tight lines, aber nicht zu verbissen werden!

Euer Philipp

 

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